Thorstens Emscherland

Man muss diese Region schon mögen,

diesen Landstrich, der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die wachsende Industrialisierung und die damit verbundene Bevölkerungszunahme geprägt wurde. Von der Urlandschaft jedenfalls, die geprägt wurde durch Flusslandschaften, ausgedehnte Wälder, Wiesen und Sümpfe, fehlt genau so wie von den Wildpferden, die einst hier lebten, jede Spur. Auch den mäandernden Verlauf des Flusses, der dieser Region seinen Namen gab, findet man nur noch auf alten Karten.

Man muss diese Region schon lieben,

wenn man sich eines Tages aufmacht, um sie auf Schusters Rappen zu erobern. Doch wo anfangen? Emscherland – das musste doch mehr sein, als ein paar stillgelegte Zechen oder die ein oder andere begehbare Halde. Ich wollte tiefer eindringen, als man es bei einem Wochenendausflug tut. Wollte mehr erfahren von den Menschen, die hier noch vor wenigen Jahren zwischen qualmenden Schloten und an Flüssen und Bächen lebten, deren „Wasser“ teilweise bis zu 80% aus stinkenden Abwässern bestand, und die sie trotzdem beinahe zärtlich „Köttelbecke“ nannten. Ich wollte mehr, ich wollte – mäandern!

Und – dabei habe ich mich verliebt!

Nicht nur in Frau Emscher, sondern auch in ihre schönen Töchter, die oftmals nur als wenig beachtete oder unbekannte Nebenbäche und Zuläufe in Erscheinung treten. Mehr als 13 000 Wanderkilometer kamen so in den letzten Jahren zusammen. Immer geht es von der Mündung bis zur Quelle, kreuz und quer durchs Emscherland. Mal durch herbstlich gefärbte Buchenwälder oder durch von praller Sonne überhitzte Industriegebiete. Auf der Spur von verrohrten Bächen treibt es mich durch belebte Innenstädte und verödete Vororte. Keine Kleingartenanlage wird von mir ohne ein Zwiegespräch mit Gartenzwergen und Kleingärtnern durchquert.

Auf meinen Wanderungen lernte ich auch, dass Flüsse und Gedichte gemeinsame Eigenschaften haben. Dabei geht es nicht immer nur um Typisierungen wie Länge des Gewässers, Fließgeschwindigkeit, Länge des Textes oder ein gewähltes Versmaß.

Wie man an den Gedichtzyklen, die durch das Emscherland inspiriert sind, erkennen kann, gilt es eine poetische Kreativität zu entdecken, die man sehr wohl findet, wenn man nur mit offenen Augen unterwegs ist. Unterwegs in einer Region, die viel zu oft immer noch als verrottetes Industriegebiet verschrien ist.

Zu meiner großen Freude ist es Michael gelungen, die Poesie meiner Texte mit sehr viel Kompetenz und Fingerspitzengefühl aufzugreifen und in wunderbare Kompositionen umzuwandeln. Eigentlich auch ein schönes Beispiel dafür, dass sich unser Emscherland immer noch in einem Zustand permanenten Wandels befindet.

Was aber denen antworten, die immer noch ungläubig fragen, wo ich denn da rumkrieche?

Ganz einfach!

„Hömma, komm einfach ma mit.“